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Mongolei – Das Tsagaan Sar Neujahrsfest

Neujahr nach dem mongolischen Mondkalender: Tsagaan Sar (Weißer Mond oder Weißer Monat)

Zeitpunkt und Hintergrund

Das mongolische Neujahrsfest Tsagaan Sar wird jedes Jahr zwischen Ende Januar und Anfang März gefeiert. Der genaue Zeitpunkt richtet sich nach dem Mondstand und dem Mondkalender. Die komplizierte Berechnung wird von Lama-Astrologen schon lange Zeit vor dem Fest vorgenommen und hängt neben vielen anderen Faktoren von der geografischen Lage ab. Daher gibt es Abweichungen zum chinesischen und indischen Mondkalender.

Es wird vermutet, dass der Kalender von zentralasiatischen Stämmen erarbeitet wurde. Nach diesem Kalender hat ein Jahrhundert zwölf Jahre, ein Jahr zwölf Monate und ein Tag zwölf Stunden.

Weitere Grundlage des Mondkalenders sind die Tierkreiszeichen, die einander alle zwölf Jahre abwechseln. Die Farbe mit ihrem klassifizierten Element wechselt alle zwei Jahre. Die Farbe Blau ist dem Holz zugeordnet, Schwarz dem Wasser, Weiß dem Metall, Gelb der Erde und Rot dem Feuer. Alle geraden Jahre sind entweder männlich oder hart, alle ungeraden Jahre weiblich oder weich. Im Jahr 2012 nach unserem Kalender wurde das mongolische Neujahrsfest im Jahr des Wasserdrachen Ende Februar begangen.

Im Jahreszyklus ist Tsagaan Sar eines der größten Feste in der Mongolei, das sich am ehesten mit unserem Heiligen Abend und nicht mit Silvester vergleichen lässt. Damit wird ein Tag nach Bituun (= letzter Tag des Jahres) das Winterende und der Frühlingsanfang sowie der Beginn des neuen Jahreskreislaufs gekennzeichnet.

Nachdem Anfang der 90er Jahre in der Mongolei der politische Wandel stattfand, ist Tsagaan Sar wieder offiziell ein Feiertag.

Ablauf

Während in den Städten Tsagaan Sar immer mehr seine eigentliche Bedeutung verliert, sind die Nomaden noch sehr mit den alten Traditionen verbunden. Jede Familie hat auch ihre eigenen überlieferten Rituale, die teilweise stark variieren. Den Unterschied zwischen Steppe und Stadt erkennt man auch daran, dass die Städter nur einen Tag feiern, die Nomaden hingegen ein bis zwei Wochen.

Bereits einen Monat vor dem eigentlichen Fest beginnen die Vorbereitungen. Die Familien kleiden sich neu ein, säubern ihre Zelte bzw. Wohnungen und bereiten Geschenke vor. Schulden oder Differenzen mit anderen Menschen werden beglichen. Schimpfworte und Beleidigungen sind während der Neujahrszeit tabu, genauso wie das Trinken von zu viel Alkohol und das Tragen von Waffen. Die Nacht über wach zu bleiben ist ebenfalls verboten. Die Vorräte an Heizmaterial und Nahrungsmitteln werden aufgestockt. Speisen für das Fest werden in teils riesigen Mengen vorbereitet, damit alle Gäste bewirtet werden können. Außerdem muss der schnellste Hammel oder das fetteste Schaf geschlachtet werden. Während des Festes werden dessen gekochter Rücken und Schwanz serviert, da das Fest den Reichtum der Familie darstellt.

„Deel“ ist die Nationaltracht der Mongolen und wird in erster Linie während der Zeit des Tsagaan Sar getragen. Die Tracht wird aus Baumwolle, Seide, Filz oder Leder hergestellt. Der Deel wird über der eigentlichen Kleidung getragen. Er hat normalerweise keine Taschen und wird am Kragen sowie auf der rechten Seite geknöpft. Gehalten wird der Deel von einer Leder- oder Stoffschärpe, die auch Bus genannt wird. Kleine Gegenstände können an der Schärpe befestigt werden. Bei Männern wird die bis zu sieben Meter lange Schärpe um die Hüfte gewickelt. Die Frauen wickeln die circa drei Meter lange Schärpe an der Taille. Die Ärmel sind so lang, dass sie umgeschlagen und bei kaltem Wetter wieder aufgerollt werden. Auf diese Weise werden die Hände vor der Kälte geschützt. An der Qualität und Herstellungsart des Deels ist der soziale Status zu erkennen. In den Städten wird der Deel kaum noch getragen, da sich hier bereits die Mode der westlichen Welt durchgesetzt hat.

In der Nacht vor dem Fest, dem Bituun, erscheint der Legende zufolge die Göttin Bituun Baldanlham auf ihrem Reittier. Zu jeder Familie kommt sie drei Mal. Dafür legt die Familie drei Eisstückchen vor die Tür.

In dieser letzten Nacht des alten Jahres sollen Opfergaben dem Himmel und sieben Sternen (den sieben alten Männern) dargebracht werden. Hierzu wird im Hof ein kleiner Tisch mit neun Karaffen Wasser aufgestellt. Außerdem werden Räucherstäbchen bereitgelegt. Im neuen Jahr führen dann am dritten Tag die Schamanen die Zeremonien durch. Dabei handelt es sich vor allem um Reinigungsrituale des Körpers. In das Wasser, das für das Ritual verwendet wird, wurden vorher farbige Steine hineingelegt. Danach wurde es gekocht, wodurch es zu heiligem Wasser (dem „Arshan“) wurde. Der Schamane reinigt zuerst sich selbst und danach alle Familienmitglieder.

Bevor die Sonne aufgeht, verlassen die Nomaden ihre Jurte (= Zelte) und gehen in die von einem buddhistischen Lama-Astrologen vorab berechnete Richtung. Die Lamas sind in der Zeit des Tsagaan Sar sehr begehrt. Um Unheil im kommenden Jahr abzuwenden, sprechen die Mongolen das vom Astrologen festgelegte Mantra. Sie verneigen sich nach allen Himmelsrichtungen. Danach werden Opfergaben in Form von Kuh- oder Stutenmilch dargebracht. Anschließend folgt ein kompliziertes Ritual an Grüßen, die in einer festgelegten Reihenfolge vorgebracht werden.

Nach Sonnenaufgang trinkt die Familie den Neujahrstee und besucht (meist ältere) Familienmitglieder oder andere Respektspersonen. Die Jüngeren beschenken die Älteren und ehren sie mit Khadags (= buddhistische Gebetsschals) in den Farben Weiß, Gelb und Blau. Die Besuche beginnen beim ältesten Familienmitglied, dann folgt das zweitälteste usw.

Das älteste männliche Familienmitglied schneidet den Hammel auf und verteilt an jeden ein Stück. Außerdem gibt es gibt Buuz und Bansh (= Teigtaschen mit Fleisch), Boov (= Gebäck) und zahlreiche „weiße“ Speisen. Das sind vor allem Milchprodukte, zum Beispiel Aarul (= Quark) oder Schar Tos (= Butter mit Rosinen). Die Farbe Weiß steht in der Mongolei nicht nur für Reinheit, sondern in erster Linie für Milch, die ein Grund- und Hauptnahrungsmittel der Nomaden ist. Ferner gibt es Reis mit Rosinen. Außerdem werden Suutei Tsai (= Milchtee) und viele andere Leckerbissen verteilt.

Während der Feiertage sollen alle so viel essen wie sie nur können, denn dies garantiert Glück und Freude im kommenden Jahr. Das Essen wird sogar als Dekoration verwendet. In der Tischmitte sind Lagen aus Ul Boov (Neujahrsbrote) aufgebaut. In den Teig der flachen und länglichen Gebäckstücke sind Mandalas eingestempelt. Die Lagen werden zu einem Turm aufgestapelt und mit verschiedenen weißen Speisen (beispielsweise Weichkäse, Schmand) garniert. Bonbons in verschiedenen Farben und Würfelzuckerstücke verzieren den Turm. Die Lagen der Ul Boov müssen immer in ungerader Zahl vorhanden sein, dies gilt als Glücksbringer. Außerdem richtet sich die Zahl nach dem Alter. Großeltern haben sieben Lagen, Ehepaare fünf, jüngere Leute nur drei.

So reisen die Mongolen während einer ganzen Woche umher – manchmal im ganzen Land – um die komplette Familie und alle Freunde zu besuchen. Überall wird vielfältig und in großen Mengen gegessen. Natürlich tauscht man auch alle Neuigkeiten aus, da das Fest meist die einzige Möglichkeit ist, alle Verwandten zu besuchen.

Während der Besuche werden traditionell Schnupftabakflaschen herumgereicht, die nach einem festgelegten Ablauf angenommen und geöffnet werden. Dann wird an der Flasche gerochen und diese wieder zurückgegeben.

Die Mongolen lieben es, sich während der Festtage mit einem Würfelspiel die Zeit zu vertreiben, das ihre Zukunft vorhersagt. Dabei werden vier Shagai (= Schafsknöchel) dreimal hintereinander geworfen. Aus der Anordnung der gefallenen Shagai ist das Schicksal der betroffenen Person für das kommende Jahr abzulesen.

Das mongolische Neujahrsfest steht auch für den Beginn einer arbeitsreichen Zeit, denn bald werden die Jungtiere der Kamele, Pferde, Ziegen, Schafe und Rinder geboren. Es ist keine Seltenheit, dass viele von ihnen zur gleichen Zeit auf die Welt kommen. Viele Geburten finden nachts statt, so dass die Mongolen wenig Schlaf finden. Zudem herrscht oft noch Frost, wenn die ersten Jungtiere zur Welt kommen. Bei den erst spät im Jahr geborenen Jungtieren besteht wiederum die Gefahr, dass sie beim ersten Kälteeinbruch noch nicht groß und schwer genug sind, um den Winter zu überstehen.

Fazit

Das Tsagaan Sar Neujahrsfest der Mongolen ist traditionsreich und voller Überraschungen. Jede Familie hat ihre eigenen Rituale und unausgesprochenen Regeln, die sich Angehörigen fremder Kulturen nur schwer erschließen. Umso aufregender ist der Besuch einer mongolischen Familie während der Neujahrszeit, wie sie einige Reiseanbieter inzwischen im Programm haben. Dies wird sicherlich ein einzigartiges, unvergessliches Erlebnis und eine von vielen schönen Erinnerungen an eine Reise in die unvergleichliche Mongolei.